Nächste Visions-Suche findet statt vom: 19. Juni - 30. Juni 2019

 

Schutzlos glücklich - Vision Quest im Ananda Dham

 

Die Visionssuche ist ein insgesamt 11-tägiger Initiationsritus mit einer viertägigen - und nächtigen Alleinzeit in der weitgehend unberührten Natur, letzere fastend, nur mit dem Nötigsten ausgestattet, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Diese Visionssuche führen wir seit 5 Jahren im Ashram Anananda Dham durch. Warum tun wir das hier? Warum laden wir ein derart radikal anmutendes Ritual an einem Ort durch, an dem Bhakti-Yoga im Zentrum steht?

 

Die Visionssuche, wie wir sie hier durchführen, ist zuerst vor allem eine Erfahrung des Verlusts und Loslassens: 

Das Ritual zersetzt die schützene Membran der Sozialmaterie, indem es nebst allen Kommunikationsmitteln auch die Sicherheit einer schützenden Behausung und all der behaglichen Annehmlichkeiten, die damit verbunden sind, wegnimmt. Und als sei dieses Kappen der Haltegriffe in der äusseren Welt und die temporäre Hauslosigkeit nicht genug, wird auch noch der grösste Struktur- und Trostgeber verbannt - die Nahrung. Allein schon dieser Umstand bewirkt eine Art tabula rasa im bedingten Bewusstsein, einen Riss in der oft unmerklich installierten Persona-Verpanzerung. 

 

Wir dürfen spüren, wie dünn und zerbrechlich die zivilisatorische Schicht ist, wenn die Horde und das Haus verlassen und die ständig auf all die kleinen und grossen Phänomene des täglichen Lebens ausgerichtete Aufmerksamkeit allen Ablenkungen entzogen ist. Oft merken wir erst dann, wie unsere konstante Gebundenheit im menschlichen Miteinander und die riesige Wagenladung von Dingen unser Leben erschweren und ein lebendiges In-der-Welt-Sein und In-Beziehung-Sein verunmöglichen. Diese existentielle Konfrontation kann verschiedenste Folgen haben: Manche beschreiben unendliche Erleichterung, ein immenses Gefühl der Befreiung, tiefe Dankbarkeit, aber auch ein ungeahnt tiefes Gefühl der Trauer und Angst. Wer bin ich, wenn ich allem entzogen bin? Wenn ich mich an nichts mehr festhalten kann? Was trägt mich? Wenn ich mich dort in der Dunkelheit der Nacht mit all seinen erstaunlich lauten, uneinordbaren Geräusche unsichtbarer Wesenheiten wiederfinde, nur mit einer Plane notdürftig vor Regen geschützt, aber nicht vor allem anderen? Wie gestaltet sich an diesem tiefsten Punkt meine Beziehung zu Gott?

 

Und wir wollen, diesem Gedanken folgend, noch etwas weitergehen: Wir empfehlen den Teilnehmern des Rituals, die tägliche Mediationspraxis für die Zeit der Alleinzeit zu unterbrechen und damit das letzte strukturgebenden Element zu opfern. Das heisst also auch, die japa-mala mit pochendem Herzen vor den Altar zu legen und damit bewusst (und zeitweilig) zu opfern, was vielen das liebste auf der Welt geworden ist. Wir wollen physisch, geistig und spirituell verloren gehen und uns bedingungslos ausliefern an das Nicht-Wissen, das mutige Infragestellen aller Wahrheiten. Somit auch der letzten, der entscheidenden Wahrheit: Dem Nicht-Gott im Sinne seiner radikalen Unverfügbarkeit, der, der keinem unserer Bilder entspricht und der ganz Fremde ist. So darf der gesamte konzeptionelle Überbau spirituellen Wissens, der schnell zur “Totenmaske der Konzeption” (Walter Benjamin) verkommt und einer lebendigen Gottesbeziehung ein sprödes Grab schaufelt, auf die Probe gestellt werden. Ist es reiner Buchstabenglaube oder hörige Hierachie - oder ist Bereitschaft da, die dynamische, unberechenbare und alle Begriffe übersteigende Beziehung aus dem zwanghaften Korsett zu befreien? Alle Vorstellungen und Identifikationen und das ängstliche Festhalten daran loszulassen und einem lebendigen DU zu begegnen?

 

Das kann auch konfrontativ und zutiefst verunsichernd sein, in dieses Nichtwissen geworfen zu sein und dem Ganz-Anderen gegenüberzustehen, möglicherweise in seiner wilden und fremden Form. Aber gerade hier ist der Umschlagspunkt zur Erkenntnis - das Fremde ist auch das Eigene, ich bin Gott auch in seinem Ganz-Andersein nahe, so unfassbar er auch sein möge. Hier kann “Einung” zwischen Mensch und Gott entstehen. Und die Sehnsucht wieder glühen, der Verbindungsdraht wieder vibrieren.

 

In dem mutigen und leicht verrückten Schritt, sich aller Sicherheiten zu entledigen und sich dem krabbelnden, kriechenden, brummenden und kratzenden Universum einer unberührten Naturlandschaft hinzugeben, in dieser Bereitschaft, alles zu geben, liegt auch eine gestiegene Empfänglichkeit zur Gnade. Ich gebe meine Verengung und meine Bedingtheiten auf, empöre mich allen Limitierungen, Präedefinitionen und Einschränkungen gegenüber und involviere mich in das, was mich wahrhaft angeht. Ich durchschneide die Nabelschnur zur Zivilisation und trete aus der kulturellen Trance aus. Das ist der Beginn der Transformation in Form von aktiver, wacher Präsenz. Fruchtbarer Gottesbezug entsteht genau aus diesem Zustand unmittelbarer Weltbezogenheit. Dann bin ich nicht Parteigänger, sondern Ergriffener - nackt, bloss, hungrig, schutzlos - schutzlos glücklich. Wir dürfen uns den Visionssuchenden als glücklichen Menschen vorstellen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht hörst du ja den Ruf des Aufbruchs ins Ungewisse, in dem wir doch fundamentaler verortet sind als in allen Sicherheitsgefügen der Welt. 

 

Die etymologische Wurzel von „Haus“ geht auf das althochdeutsche Wort „hus“ zurück und heisst ursprünglich „das Bedeckende“. Es wurzelt in einer sehr alten indogermanischen Grundbedeutung „kulskeu“ („umhüllen“), was auf die Sanskritwurzel „sku“ („bedecken“) zurückreicht. 

So findet man im Griechischen das Wort „skeue“ („Kleidung“) und auch „skytos“ (Haut, Leder).

Man hat begonnen, die Umhüllung, die Bedeckung, als Zuflucht und Schutz zu betrachten. Krishnas äussere Energie ermöglicht, dass man sich häuslich und heimisch zu fühlen beginnt inmitten von wesensfremden Schichten. Das angewohnt Vertraute scheint einem bequem.

 

Wenn die Seele das Heimat-Gefühl in dieser Welt aufgibt, das nur die emotionale Folge der falschen Identifizierung und einer bestimmten Angewöhnung an die Gemeinschaft mit der äusseren Welt war,  taucht eine tiefe Aufgehobenheit in einem auf. Diese dient nicht mehr der bequemen Anlehnung an die materielle Welt. Daraus erwacht die brennende Sehnsucht nach wirklicher Heimat

 

Kranke, Sterbende und auch KZ-Häftlinge erfuhren, dass der Mensch, wenn ihm wirklich gar nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann.

Wir müssen nicht einmal auf die Krankheit, den Tod oder das äussere Drama warten.

 

Diese Glückseligkeit wartet unser.